Ein Gespräch mit Dr. Gerhard Clasen, anlässlich einer PHT-Podiumsdiskussion zum Thema

Heilmittelverordnungen – Leidtragender ist der Patient

Von Sabine Diebold

"Eigentlich ist mein Beruf Arzt. Erstaunlicherweise muss ich mich aber immer mehr mit Formalitäten beschäftigen, als mit dem Menschen selbst." Was nicht nur den Ärger von Dr.med Gerhard Clasen, Internist und 1.Vorsitzender des Praxisnetz Hochtaunus, auf sich zieht, ist die neue Heilmittelverordnung. Die neue Richtlinie aus dem Jahr 2011 schreibt Ärzten mit Kassenzulassung vor, wie viel Heilmittel – also Maßnahmen durch Leistungserbringer wie Physiotherapeuten, Logopäden oder Masseure – verordnet werden dürfen. Wird das Budget überschritten, geht das zu Lasten des einzelnen Arztes.

Heilmittelverordnungen – Leidtragender ist der PatientHöchste Zeit, dieses Thema näher zu beleuchten, und so veranstaltete das Praxisnetz Hochtaunus, gemeinsam mit der Allgemeinen Ortskrankenkasse (AOK) am 23. Mai 2012 eine Podiumsdiskussion in der Stadthalle Oberursel. Die rund 70 Teilnehmer verfolgten gespannt die kontroverse Diskussion zwischen Wilfried Hofmann, VDB-Physiotherapieverband, Claus-Helmuth Schradin, Oberurseler Allgemeinmediziner und PHT-Mitglied, Joachim Henkel, AOK Hessen, sowie Klaus Hollmann von der Kassenärztlichen Vereinigung Hessen. Laut Clasen, der den Abend moderierte, liegt ein Problem in der knappen Bemessung des jeweiligen Ärzte-Budgets: "Die Bevölkerungsstruktur hat sich geändert und logischerweise machen ältere Menschen mehr Gebrauch von Heilmitteln". Zudem würden Patienten immer früher aus Krankenhäusern entlassen, so dass die Nachbehandlung viel mehr in den Händen der Leistungserbringer läge. "Wir Ärzte können den erhöhten Bedarf an Heilmitteln nicht decken", meint Clasen. Schon jetzt seien einige Maßnahmen viel zu sehr begrenzt, wie etwa die Physiotherapie. Demnach übernimmt eine gesetzliche Krankenkasse die Kosten für eine Physiotherapie pro Rezept von sechs Einheiten à 20 Minuten. "Das ist viel zu wenig und viel zu kurz", kritisiert Clasen.

Zudem kritisiert Clasen, wie alle an der Podiumsdiskussion teilnehmenden Ärzte , dass die Bürokratie, die mit dem Verschreiben von Heilmitteln verbunden ist, viel zu hoch sei. Werden beispielsweise Kreuze auf dem Rezept falsch gesetzt oder vergisst der Arzt anzukreuzen, ob es sich um einen Hausbesuch handelt oder nicht, gibt es für den Therapeuten kein Geld. Und damit nicht genug, denn die Krankenkassen nehmen es ganz genau: Es muss sogar der gleiche Stift sein, mit dem Leistungserbringer und Patient auf dem Rezept unterschreiben. Hat der Stift eine andere Farbe, wird die Genehmigung des Rezepts abgelehnt. "Es sind solche Spitzfindigkeiten, die mich ärgern", findet Clasen und kritisiert die bürokratischen Arbeiten, die immer mehr auf Ärzte zukommen und die seiner Meinung nach gar nicht sein müssten.

Doch was passiert, wenn das Budget eines Arztes bereits ausgeschöpft ist, Patienten aber dennoch dringend Heilmittel benötigen? "Oft wird der Patient von Arzt zu Arzt geschickt, weil niemand gerne mehr Verschreiben möchte, als er darf. Das sorgt für Verteilungskämpfe innerhalb des Budgets", erklärt Clasen. Der Leidtragende dieser Geschichten ist dann der Patient, denn der bleibt oftmals auf der Strecke. Ohne Heilmittel.
Dabei würden viele Ärzte gerne dringend benötigte Therapien verschreiben, müssen aber, aufgrund der drohenden Regressansprüche seitens der Kassen, innerhalb ihres Budgets bleiben. Im Jahr 2009 wurden gegenüber den 8.000 hessischen Ärzten, die Heilmittel verordnen dürfen, 94 Mal Regressansprüche geltend gemacht, da diese Ärzte ihr Budget um jeweils mehr als 25 Prozent überzogen hatten. "Regressansprüche seitens der Kassen sind existenzbedrohend. Einem Kollegen wurden 400.000 Euro Strafe auferlegt", berichtet Clasen. Damit Patienten dennoch ihre erforderlichen Therapien erhalten, haben diese nun ihre eigenen Maßnahmen ergriffen.Heilmittelverordnungen – Leidtragender ist der PatientSie gehen zu einem Privatarzt und lassen sich Heilmittel privat verschreiben. Die Bedarfsregelung sollte allerdings anders gelöst werden. Doch wie? Eine konkrete Lösung wurde im Rahmen der Podiumsdiskussion nicht formuliert. Vielmehr ging es Clasen darum, dass die Betroffenen ihrem Ärger Luft machen konnten: "Wir möchten die Öffentlichkeit auf die Problematik aufmerksam machen und ins Gespräch mit den Leistungsträgern, Krankenkassen und Patienten kommen. Klar hat jeder gesetzliche Vorgaben. Aber wenn die Bürokratie zu groß wird und der Patient in den Hintergrund rückt, dann läuft etwas ziemlich falsch".