Medizin Aktuell

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Herzinfarkt und Schlaganfall bei Frauen und Männern: Gibt es Unterschiede?

Von Dr. med. Christian Albrecht

Herzinfarkt und Schlaganfall, die Volkskrankheiten Nummer Eins in Deutschland, basieren in ihrem Entstehungsmechanismus auf der Tatsache, dass sich plötzlich eine Ader, die eben zum Herzen oder zum Gehirn führt, verstopft. Was ist passiert? Gefäßverkalkungen bzw. Ablagerungen in den Gefäßen, die im Laufe des Lebens zum Teil als natürlicher, zum Teil als beschleunigter Alterungsprozess durch bestimmte Risikofaktoren (Rauchen, Zucker, Fettstoffwechselstörung, Bewegungsmangel, Übergewicht, …) entstehen, werden unter bestimmten Situationen plötzlich "instabil" und locken Blutplättchen an, die sich dann um diese Verkalkung herum gruppieren und zu einer plötzlichen Verstopfung des Gefäßes führen. Was den Entstehungsmechanismus von Herzinfarkt und Schlaganfall betrifft, gibt es keine Unterschiede zwischen Mann und Frau. Erheblich sind die Unterschiede aber in der Häufigkeit des Auftretens, in der Häufigkeit in bestimmten Lebensphasen, in den Beschwerden, die ein Patient bspw. bei einem Herzinfarkt verspürt, und auch in der Behandlungsqualität und in den Behandlungserfolgen.

Frauen "verkalken" später

Zunächst ist es so, dass die Frauen im gebärfähigen Alter durch ein ausgeklügeltes Wechselspiel ihrer Hormone - offenbar um das Fortpflanzungsalter "unbeschadet" zu überstehen – zunächst wesentlich seltener und wesentlich langsamer in den Gefäßen Ablagerungen entwickeln: Männer "verkalken" schon ab dem 30. Lebensjahr, bei Frauen beginnt dieser Prozess durchschnittlich mit 50. Nach der Menopause ist der Verkalkungsprozess dann aber offenbar beschleunigt. Dennoch ist es so, dass der Herzinfarkt bei Männern bis zu dreimal häufiger vorkommt als bei Frauen. Auf die gesamte Lebensspanne betrachtet, stirbt aber jede zweite Frau an einem Herz-Kreislauf-Ereignis wie Herzinfarkt oder Schlaganfall. Nur jede 25. Frau verstirbt an einem Brustkrebs. Ungeachtet dessen sind die Bemühungen der vorbeugenden Medizin (Prävention) bei Frauen in der Brustkrebsvorsorge wesentlich ausgeprägter als in der Herzinfarkt- und Schlaganfallvorsorge. Dies ist sicherlich der Tatsache geschuldet, dass die Todesfälle an Herz-Kreislauf-Erkrankungen bei Frauen in absoluten Zahlen zwar häufiger, aber eben wesentlich später, in deutlich höherem Alter auftreten.

Herzinfarkt und Schlaganfall bei Frauen und MännernEine bahnbrechende Untersuchung, die von Salim Yusuf, einem der führenden Epidemiologen und Kardiologen aus Hamilton/Ontario, in 2005 im Lancet publiziert wurde (Interheart), zeigt, dass hingegen die klassischen Risikofaktoren, die oben aufgelistet sind, unabhängig vom Geschlecht den Prozess der Arteriosklerose (Arterienverkalkung) beschleunigen können. So ist Rauchen für Männer und Frauen "gleich" gefährlich. Fortgesetzter und starker Nikotinabusus (Nikotinmissbrauch) bspw. steigert bei beiden Geschlechtern das Risiko für einen Herzinfarkt um das drei- bis vierfache. Diese Untersuchung hat aber auch gezeigt (wie schon viele andere Untersuchungen – so die Womens Health Study), dass die Betrachtungsweise der klassischen Blutfette, also des Gesamtcholesterins/ LDL-Cholesterins, bei der Risikoabschätzung nicht wirklich weiterhelfen: So erleidet die Hälfte aller Frauen einen Herzinfarkt, obwohl das sog. LDL-Cholesterin ("böses Cholesterin") unter 130 mg/dl gelegen hat.

Schlaganfall-Gefährdung bei Frauen größer

Eine kleine "Sonderrolle" scheint der Schlaganfall zu sein. Hier sind Frauen etwas gefährdeter, offenbar auch deshalb, da bei Frauen ein sich entwickelnder Bluthochdruck nicht in dem Ausmaß diagnostiziert und therapiert wird, wie dies bei Männern der Fall ist. Möglicherweise sind die Bedenken gegenüber Nebenwirkungen von Medikamenten bei Frauen stärker ausgeprägt und wiegen stärker als die Angst vor den Folgen des Bluthochdruckes - dem Schlaganfall. Die Internisten und Kardiologen haben diesem Umstand aber bereits Rechnung getragen. So wird bei Frauen in der Frage, ob zum Schlaganfallschutz das blutverdünnende Marcumar eingesetzt wird, wenn sich im Alter einmal Vorhofflimmern zeigt, alleine das weibliche Geschlecht als zusätzlicher Risikofaktor gesehen. Die Ärzte wissen also, dass Frauen hier besonders gefährdet sind und empfehlen Marcumar in dieser Situation eher als bei Männern.

Frauenspezifische Herzinfarkt-Symptome

Ein wesentliches Dilemma in der Behandlung des Herzinfarktes ist es, dass Frauen den Herzinfarkt nicht in der "klassischen" Weise verspüren wie Männer. Häufig liegt eben kein Brustschmerz vor, sondern nur ein allgemeines Unwohlsein und sog. vegetative Begleitsymptome wie Übelkeit, Schwitzen und Schwäche. Insofern ist es nicht verwunderlich, dass sich die Behandlungsqualität beim akuten Herzinfarkt bei Männern und Frauen unterscheidet, will heißen bei Frauen schlechter ist: Wenn einmal ein Herzinfarkt erlitten wird, ist die Sterblichkeit bei Frauen an diesem Infarkt höher, was durchaus an der verzögerten und manchmal in die Irre gehenden Diagnose liegt. "Frauenherzen schlagen anders", hieß bereits Ende der 90er Jahre eine diesbezügliche Kampagne der Deutschen Gesellschaft für Kardiologie. In den letzten Jahren hat sich die Sterblichkeit am Herzinfarkt bei Frauen aber insgesamt deutlich verbessert. Dies deutet darauf hin, dass es richtig war, die frauenspezifische Herzinfarkt-Symptomatik in der Ausbildung von Internisten und Kardiologen zu verankern.

Komplementärmedizin im Praxisnetz Hochtaunus

Von Dr. med CLaus-H. Schradin

Was ist Alternativmedizin/Komplementärmedizin? Wikipedia versucht sich an folgender Definition: "Alternativmedizin und Komplementärmedizin sind Sammelbezeichnungen für unterschiedliche Behandlungsmethoden und diagnostische Konzepte, die sich als Alternative oder Ergänzung zu wissenschaftlich begründeten Behandlungsmethoden verstehen, wie sie im Medizin- und Psychologiestudium gelehrt werden".
Komplementärmedizin im Praxisnetz HochtaunusHierzu zählen Verfahren, die, ausgehend von der Einheit von Körper und Geist, die Wechselwirkung zwischen beiden nutzen, wie zum Beispiel Meditation, Yoga, Tai-Chi und Autogenes Training. Viele Verfahren haben das Ziel, das Immunsystem günstig zu beeinflussen. Hierzu zählt die Eigenblutbehandlung, die Mikrobiologische Therapie des Darmes, die Thymus- und die Ozontherapie. Oder sie nehmen Einfluss auf den Zwischenzellraum, wie Fasten- und Entsäuerungsmethoden sowie die Orthomolekulare Therapie. Osteopathie, Akupunktur (TCM und Auriculomedizin) und Neuraltherapie nach Huneke versuchen direkt durch Beeinflussung des vegetativen Nervensystems in die (unbewusste) Steuerung unseres Körpers vielfältig einzugreifen. Eine Sonderstellung nimmt die Homöopathie ein. Sie ist eine eigenständige ganzheitliche Therapiemethode mit festen Heilgesetzen. Diese Aufzählung erhebt nicht den Anspruch auf Vollständigkeit.

Tatsache ist, dass 2/3 der Bevölkerung positiv zu alternativen Heilmethoden eingestellt sind, diese regelmäßig anwenden oder bereits schon einmal angewendet haben. Weit mehr als die Hälfte der in eigener Praxis arbeitenden Ärzte bieten komplementärmedizinische Therapien an oder haben ihre Arbeit ganz auf diese Medizin ausgerichtet. Können damit nur Placeboeffekte (Scheinwirkungen) ausgelöst werden, wie manche Kritiker meinen? Sicher nicht. Kein Arzt wird heute die Erfolge moderner Medizin und die damit verbundene Verbesserung der Gesundheit  moderner Gesellschaften in Frage stellen. Jeder Arzt ist aber auch schon mit scheinbar unvorstellbaren Therapieerfolgen bei eigenen Patienten konfrontiert worden, die sich alternativmedizinischen Behandlungsmethoden zugewandt hatten, nachdem die Schulmedizin ihnen nicht mehr helfen konnte.

Komplementärmedizin im Praxisnetz HochtaunusInteressant ist, dass sich die Universitätsmedizin seit etwa 10 Jahren zunehmend alternativen Heilmethoden als Forschungsinhalt zuwendet. Lehrstühle werden eingerichtet (Akupunktur/Uni Mainz, Naturheilverfahren/Fresenius Akademie Niedernhausen) oder naturheilkundliche Ambulanzen (Uni Heidelberg). Zunehmend werden Hintergründe zu den  Wirkungsweisen entschlüsselt (bspw. Akupunktur und Neuraltherapie nach Huneke = angewandte Neurophysiologie). Folglich kann schon lange nicht mehr von einem " entweder oder" sondern viel eher von einem " sowohl als auch", bzw. einem befruchtenden Nebeneinander von Schulmedizin und Komplementärmedizin gesprochen werden.

Auch die Ärztinnen und Ärzte im Praxisnetz Hochtaunus bieten, ergänzend zur schulmedizinischen Betreuung, vielfältige komplementärmedizinische Therapien und Diagnostik an. Neben Homöopathie, Akupunktur TCM, Ohrakupunktur nach Nogier/Bahr, Neuraltherapie nach Huneke, Osteopathie, Chirotherapie, Mikrobiologische Therapie des Darmes, Eigenblutbehandlung und Hydrocolontherapie finden sich Fastenkuren, die verschiedensten Diätformen und die Orthomolekulare Therapie, um nur einige zu nennen. Kurse für Yoga, Tai-Chi, Qigong, Feldenkrais und auch z.B. Achtsamkeitstraining, die ebenso von nichtärztlichen Therapeuten geleitet werden können, ergänzen das Spektrum. Auch in der Komplementärmedizin ist es hilfreich, einen Arzt seines Vertrauens beratend und begleitend einzubeziehen, um eine sinnvolle, individuell auf jeden einzelnen Patienten abgestimmte Diagnostik und Therapie einleiten zu können. Arztpraxen, die im Praxisnetz Hochtaunus auf Komplementärmedizin spezialisiert sind, können über das Netzbüro erfragt werden.

Der Lungenfunktionstest bei Verdacht auf Atemwegserkrankungen

Von Dr. med. Jörg Odewald

Symptome wie Husten, Luftnot und Auswurf haben ihre Ursachen häufig in Erkrankungen der Lunge. Aber auch bei Brustschmerzen sollte man nicht nur an das Herz, sondern auch an die Lunge denken und das EKG durch einen Lungenfunktionstest ergänzen.

Ein Lungenfunktionstest, wie beispielsweise die Spirometrie, sollte grundsätzlich durchgeführt werden, wenn ein begründeter Verdacht auf eine Atemwegserkrankung besteht. Er ist ein wichtiges Instrument für die Diagnose und Verlaufskontrolle von Erkrankungen der Atemwege und kann bei fast jedem Hausarzt durchgeführt werden. Insbesondere Raucher und Menschen, die lange geraucht haben, sollten sich in regelmäßigen Abständen testen lassen.

Die Spirometrie misst in erster Linie die Flussgeschwindigkeit und das Luftvolumen. Über ein Mundstück atmet der Patient auf eine ganz bestimmte Art und Weise in eine Apparatur ein bzw. aus und folgt dabei genauen Kommandoanweisungen der medizinischen Assistentin. Zusätzlich zu den Messungen von Luftfluss und Luftvolumen zeigt eine graphische Darstellung die individuelle Fluss-Volumenkurve bei der Aus- und Einatmung. Messwerte und  Kurvenverlauf lassen Rückschlüsse zu, ob eine Obstruktion, d.h. eine Einengung der Bronchien, und /oder eine Restriktion, d.h. eine Verkleinerung des verfügbaren Lungenvolumens, vorliegt. Daraus lassen sich wiederum Rückschlüsse auf die Art und Schwere einer möglichen Erkrankung ziehen.  Ob es sich zum Beispiel um ein allergisches oder durch einen Infekt hervorgerufenes Asthma handelt, oder um eine chronisch obstruktive Raucher-Bronchitis. Ist die Krankheit diagnostiziert, kann mittels Lungenfunktionstests dann auch der Verlauf der Erkrankung und die Wirksamkeit der Behandlung überprüft werden. Viele Asthmatiker besitzen einen sogenannten Peak-Flow-Meter. Das handliche Gerät misst (über das Mundstück und einen Federmechanismus) die maximale Atemstromstärke und erlaubt so dem Patienten, die Wirksamkeit seiner Medikation zu beurteilen und gegebenenfalls, nach ärztlichem Plan, die Dosierung zu verändern.

Sind im Rahmen der Untersuchung für Diagnosestellung und Verlaufsbeurteilung noch detailliertere Messdaten von Nöten, kann der Patient zum Pneumologen , dem Facharzt für Lungenheilkunde, überwiesen werden. Der Pneumologe kann die Bodyplethysmographie durchführen, während der der Patient, in einer geschlossene Kabine sitzend, nach Anweisung verschiedene Atemmanöver durchführt. Darüber hinaus ist die Blutgasanalyse, d.h. die Untersuchung von arteriellem Blut auf Sauerstoff, Kohlendioxid, Säure-Basen-Haushalt etc., ein wichtiger Bestandteil der Beurteilung der Lungenfunktion. Auch eine klassische Röntgen-Thoraxaufnahme kann nach Bedarf die Untersuchung ergänzen. Sollten darüber hinaus noch weitere Fragestellungen offen bleiben, sind eine Computertomographie, eine Bronchoskopie (eine endoskopische Bronchienspiegelung) und eine endosonographisch gesteuerte oder offene Lungenbiopsie zur Gewebegewinnung weitere Mittel der Wahl.

Medikamente – die ungeliebten Nützlinge

.... oder wie kann man die Risiken der Arzneimitteltherapie bei zunehmendem Alter und gleichzeitig sich häufenden Erkrankungen vermindern und den Nutzen bewahren.

Von Dr. med. Jörg Odewald und Dr. med. Hans-Jörg Werner

Eine älter werdende Bevölkerung wird begleitet durch die gleichzeitige Zunahme von Mehrfacherkrankungen (Multimorbidität). 2007 erhielten in Deutschland die über 60jährigen 64% der Medikamententagesdosen, obgleich sie nur 27% der gesetzlich Krankenversicherten stellen. Dabei waren die häufigsten Diagnosen: Bluthochdruck, Diabetes, Erkrankung der Herzkranzgefäße, Herzmuskelschwäche und Herzrhythmusstörungen, Lungenerkrankungen, Depressionen, Erkrankungen des Nervensystems sowie Schmerzen und Bewegungseinschränkungen durch Erkrankungen und altersbedingte Veränderungen des Bewegungsapparates. Menschen über 70 Jahre haben häufig mehr als fünf Dauerdiagnosen, viele dieser Erkrankungen können heute durch Medikamente behandelt und gelindert werden. Dass viele Menschen heute bei uns ein hohes Alter erreichen ist sicherlich auch ein Effekt der medikamentösen Therapien. Die gleichzeitige Einnahme von mehreren Medikamenten birgt aber die Gefahr von unerwünschten Arzneimittelwirkungen.

Medikamente – die ungeliebten NützlingeDiese unerwünschten Wirkungen der Arzneimittel können verschiedene Ursachen haben:

  • Es werden durch die Behandlung durch mehrere Ärzte (zum Beispiel Internist, Orthopäde und Neurologe) verschiedene Medikamente verordnet, die sich in ihrer Wirkung gegenseitig verstärken oder auch abschwächen.
  • Durch die zusätzliche Einnahme von Lifestylepräparaten, Vitaminen und Erkältungs-, Schmerz- oder Schlafmittel entstehen Risiken. Beispielsweise verstärken die gerne zur Durchblutungsförderung im Gehirn genommenen Gingkopräparate (zum Beispiel Tebonin) das Blutungsrisiko (Hirn-, Magen-, Hautblutung) wenn man gleichzeitig ASS/Aspirin einnimmt.
  • Es können Nebenwirkungen auftreten, die als neue Erkrankungen gedeutet und mit zusätzlichen Medikamenten behandelt werden. Zum Beispiel Parkinsonsymptome bei einem übermäßigen und verlängerten Gebrauch von MCP  (Metoclopramidhydrochlorid), das bei Übelkeit und Erbrechen verordnet wird.
  • Mit zunehmendem Alter wird die Nieren- und Leberfunktion schwächer und der Abbau von Medikamenten verlangsamt sich.
  • Mit zunehmendem Alter nehmen das Körpereiweiß und der Körperwasseranteil ab, der Fettanteil nimmt zu. Das bedeutet zum Beispiel für wasserlösliche Medikamente, wie das Digoxin (Herzmittel), das der ältere Patient 30 % weniger des Wirkstoffes benötigt als der jüngere. Für eine fettlösliche Substanz, wie das Diazepam (Valium), dauert die Ausscheidung der Hälfte des Wirkstoffes im Normalfall 24 Stunden, bei älteren Menschen dagegen 90 Stunden. Medikamente, die an Körpereiweiß gebunden werden, wie zum Beispiel Diclofenac (Voltaren), können in einer niedrigeren Dosis gegeben werden, da durch das geringere körpereigene Eiweiß im Alter weniger Wirkstoff gebunden wird und der freie Wirkstoff somit höher ist.
  • Es kann eine erhöhte Empfindlichkeit, wie zum Beispiel Müdigkeit bei Antihistaminika (Allergiemittel), oder eine verminderte Empfindlichkeit auf zum Beispiel Betablocker (Herz- und Blutdruckmedikament) auftreten.
  • Die Gegenregulationsmechanismen können gestört werden. So kann zum Beispiel  nach verschiedenen verabreichten blutdrucksenkenden Medikamenten ein zu starker Blutdruckabfall eintreten.
  • Es können paradoxe Reaktionen auftreten, wie zum Beispiel ein Erregungszustand nach Beruhigungsmitteln oder extreme Müdigkeit nach Koffein.
  • Es kann zu Verwechslungen bei der Medikamenteneinnahme kommen, hervorgerufen durch Seh-, Erkennens- und Merkfähigkeitsstörungen, aber auch durch eingeschränkte Geschicklichkeit. Die Verwechslungen werden begünstigt durch Verpackungen, die sich ständig ändern (Stichwort Rabattverträge) und, ungeachtet der verschiedenen Hersteller, fast identisch beschriftet sind. Dazu kommen noch schlecht handhabbare Blisterverpackungen (Tablettenverpackungen, bei denen sich die Alufolie schlecht ablösen lässt) und „kindersichere“ Tropfen, die schlecht geöffnet und abgezählt werden können.
  • Eine ungenügende häusliche Versorgung und/oder soziale Einbindung des betroffenen Patienten kann ebenfalls zu Problemen bei der Einnahme von Arzneimitteln führen.

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) stuft über 65jährige als betagt ein und spricht  bei über 84jährigen von Hochbetagten, diese rein kalendarische Einteilung genügt auf keinen Fall für eine Einschätzung des Risikos unerwünschter Medikamentenwirkung. So gibt es heute eine große Zahl 80jähriger ohne wesentliche Einbußen in ihren körperlichen und geistigen Fähigkeiten, und andere, die bereits mit 65 jegliche Autonomie über den eigenen Körper und Geist verloren haben. Wichtig ist daher, das Risiko und den Nutzen der Medikamentenverordnung für jeden Patienten individuell einzuschätzen.

Medikamente – die ungeliebten NützlingeDas Ziel bei chronisch kranken Patienten mit Mehrfacherkrankungen ist nicht die „maximale“ Behandlung jeder einzelnen Diagnose. Der Schwerpunkt soll insbesondere auf der Aufrechterhaltung oder Wiedererlangung der allgemeinen Funktionsfähigkeit im Alltag liegen. Was nützt ein intensiviert eingestellter Diabetes mellitus mit einem fast normalen HbA1c Wert (Blutzuckerlangzeitwert), wenn einmal in der Woche der Notarzt zur Behandlung der Unterzuckerung (Hypoglykämie) kommen muss oder der Patient stürzt und sich einen Knochenbruch zuzieht.

Die medikamentöse Behandlung von Patienten mit mehreren chronischen Erkrankungen (Multimorbidität) muss an den jeweiligen Gesamtzustand, die Organfunktionen und die geistigen Fähigkeiten angepasst werden. Sie muss die Lebenserwartung und die individuelle Lebenssituation in ihrer ganzen Komplexität berücksichtigen.
Dies ist die wichtige Aufgabe für den betreuenden Arzt – den jeweiligen Hausarzt, der bei unseren französischen Nachbarn es vielleicht treffender als „Familienarzt „ bezeichnet wird.

In Kasten setzen

Wie kann man als Patient unerwünschte Arzneimittelwirkungen vermeiden:

  • Überprüfen Sie die Liste der verordneten Medikamente zusammen mit Ihrem Arzt bei jedem Praxisbesuch.
  • Zeigen Sie Ihrem Arzt auch die Präparate, die Sie von anderen Ärzten verordnet bekommen haben.
  • Bringen Sie auch die Mittel mit, die Sie in der Apotheke oder Drogerie etc. gekauft haben.
  • Setzen Sie Prioritäten: Nur leichte Gelenk- und Muskelbeschwerden oder Schlafstörungen z.B. müssen nicht unbedingt mit Tabletten behandelt werden.
  • Bestimmte Medikamente, die dauerhaft eingenommen werden, erfordern die regelmäßige Kontrolle bestimmter Blutwerte im Labor, lassen Sie sich von Ihrem Arzt beraten.
  • Beginnen Sie eher mit niedrigen Dosierungen.
  • Achten Sie darauf, dass Medikamente, die keine Wirksamkeit zeigen, auch wieder abgesetzt werden.
  • Ganz Wichtig: Besprechen Sie die Liste der Medikamente nach stationärem Aufenthalt im Krankenhaus gleich nach der Entlassung mit Ihrem Hausarzt.

Darüber hinaus sehen wir Ärzte im Praxisnetz auch die Gefahr von Verwechslungen bei der Medikamenteneinnahme, da in den Apotheken an Stelle des verordneten Präparats auf dem Rezept häufig Nachahmermedikamente (Generika) ausgegeben werden: Die Packungen mit dem gleichen Wirkstoff sehen unterschiedlich aus. Die Verpackungen der einzelnen Hersteller sehen sich zum Verwechseln ähnlich, obwohl unterschiedliche Wirkstoffe enthalten sind.
Um hier eine Verbesserung für die Patientensicherheit zu erreichen, bietet sich die Konzentration auf wenige zuverlässige Generikahersteller an.    

Dr. med. Hans Jörg Werner, Praxis Oberursel
FA Innere Medizin, Geriatrie, Physikalische Therapie
Ehemaliger CA der Geriatrie des Ev. KH.Elisabethenstift Darmstadt
Dr. med. Jörg Odewald, Praxis Steinbach
FA Innere Medizin, Pneumologie, Notfallmedizin
Praxis Steinbach
Notarzt Institut für Notfallmedizin Klinikum Darmstadt