Kinder brauchen Bewegung

Übergewicht bringt nicht nur gesundheitliche Nachteile

Kinder brauchen Bewegung "Frisch, fromm, fröhlich, frei" – vielen ist der Ausruf des Turnvaters Jahn bekannt. Der Appell für mehr Bewegung ist unüberhörbar, doch er verhallt, ohne wahrgenommen zu werden.
Die Folgen sind sichtbar: Immer mehr Kinder nehmen an Gewicht zu. Laut einer Studie der AOK und des Deutschen Sportbundes hat sich in der Altersgruppe der 10- bis 14-Jährigen gezeigt, dass die Beweglichkeit der 10-Jährigen im Jahr 2002 nur noch 70 Prozent der Leistungsfähigkeit von vergleichbaren 10-Jährigen aus dem Jahre 1995 ist. Auch Langzeituntersuchungen zeigen, dass die Bewegung bei Kindern rückläufig ist: Während vor 25 Jahren die Kinder im Durchschnitt noch Rumpfbeugungen machen konnten, und dabei mit der Handfläche den Boden berührten (die Wirbelsäule ist in diesem Alter sehr beweglich), erreichen die Kinder heute die Schuhsohle im Durchschnitt nicht mehr. Aber nicht nur die Beweglichkeit, auch die Ausdauer hat nachgelassen:  Können heute Kinder in sechs Minuten 860 Meter im Durchschnitt laufen, waren sie vor 20 Jahren in der Lage, bei identischer Versuchsanordnung  in derselben Zeit noch 148 Meter im Schnitt mehr zu  laufen. Folge des Bewegungsmangels: Immer mehr übergewichtige, bewegungsarme Kinder, die früh einen sogenannten "Altersdiabetes" entwickeln.

Kinder brauchen Bewegung Bewegungsmangel ist ein Problem, das das Bürgertum seit seinem Aufstieg in Deutschland beschäftigt hat: Im Jahr 1809 war es Wilhelm von Humboldt, der als Sekretär der Kulturabteilung des preußischen Ministeriums anordnete, dass auch "die Erziehungsbehörde das Bedürfnis nach allgemeinen, gymnastischen Übungen lebhaft fühlt, und solche zu einem Hauptbestandteil des Jugendunterrichtes zu machen, ernstlich bedacht ist". Initiativen zu mehr Sport in der Schule und im Alltag gibt es seit den frühen Anfängen unserer Republik: 1958 war es Konrad Adenauer, der zusammen mit Willi Daume nachhaltige Sportpflege forderte. Es folgten die Bundeskanzler Kurt Georg Kiesinger, Helmut Schmidt bis hin zum Bundesminister Wolfgang Schäuble im Jahr 2008. Doch nach wie vor gelingt es nicht, Schulsport in Kindergärten und Grundschulen als festen Bestandteil zu integrieren.

Das Übergewicht macht den Kindern zu schaffen: Sie werden in den Schulklassen von den "Normalgewichtigen" ausgeschlossen. Sie gelten als faul, dumm und wenig einsatzstark. Eine Untersuchung der Tübinger Universität aus dem Jahre 2007 hat es auf den Punkt gebracht: Dicke Kinder werden als wenig sympathisch angesehen und selten als Spielkameraden bevorzugt. Am sympathischsten war den Studienteilnehmern das normalgewichtige Mädchen. Interessanterweise werden körperbehinderte Kinder lieber als Spielkameraden bevorzugt als dicke Kinder. Für dicke Kinder beginnt damit ein Teufelskreislauf. Wegen mangelnder Freundschaften, mangelnder Möglichkeiten zu spielen und zu toben vereinsamen sie, und sie essen mehr aus Frustration. Warum übergewichtige Kinder im Spracherwerb hinterherhinken, ist bisher noch nicht verstanden.

Sicher ist: Dick ist nicht gleich dumm. Aber Übergewicht macht müde, lässt uns faul werden – dies gilt für Groß und Klein gleichermaßen! Medizinisch wissenschaftlich ist eines klar: Der bewegliche Dicke hat die gleiche Lebenserwartung wie der bewegte Schlanke. Das heißt, der faule Dicke und der faule Schlanke haben ein hohes Risiko, früh an Herzkreislauferkrankungen oder Diabetes und deren Folgen zu versterben. In einem Göttinger Schulprojekt wurde sehr schön gezeigt, dass Schulsport bei Kindern die Aufmerksamkeit verbessert und die Gewalttätigkeit in den Schulen nimmt ab. Kinder brauchen Bewegung Selbst die Leistungen in den Schulen werden besser. Der ehemalige Präsident der deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin, Professor Dr. Hans Josef Böhles von der Universitätsklinik Frankfurt, hat es auf den Punkt gebracht: 2008 forderte er täglich eine Stunde Sport in den Kindergärten und Grundschulen. Damit würden der Gesundheitszustand und die intellektuelle Leistungsfähigkeit der heranwachsenden Generation erheblich verbessert.

Priv.-Doz. Dr. med. Thomas Konrad
Stoffwechselzentrum Rhein-Main